String Quartets Vol. IX

Auszeit

Zahlreiche Mutmaßungen ranken sich um Haydns Streichquartette op. 20. Von Schaffenskrise ist da die Rede, und die erstaunliche Tatsache, dass nach den sechs sehr eigenwilligen Werken fast zehn Jahre lang „Sendepause“ in diesem Genre herrschte, lässt Spekulationen ins Kraut schießen. Das Leipziger Streichquartett bleibt von solcher Kaffeesatzleserei unbeeindruckt; in der neunten Folge seiner Haydn-Edition zeigen die Sachsen einmal mehr die innovative und individuelle Kraft der äußerst reizvollen Werkgruppe, die mit der  Neuaufnahme der Nummern 1, 3 und 5 nun vollständig vorliegt.

Verblüffung

Schon eine oberflächliche Betrachtung offenbart etliche Besonderheiten der sechs Quartette aus op. 20. Allein dass zwei Werke in Moll darunter sind, ist auffällig – üblicherweise beschränkte man sich zu dieser Zeit auf eines. Und auch die Satzfolge der durchweg viersätzigen Stücke scheint keiner Regel zu gehorchen: Mal steht das Menuett an zweiter, mal an dritter Stelle; mal eröffnet ein mäßig-schnelles Moderato den Reigen, mal ein quirliges Allegro – in op. 20 zeigt der ohnehin experimentierfreudige Haydn, dass er immer für eine Überraschung gut ist.

Fehlstart

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Esterhazische Hofkapellmeister auch im Detail mit den Erwartungen seines Publikums spielt. So beginnt im ersten Satz von Nr. 1 die  Durchführung wie eine dritte Wiederholung der Exposition, und wenn die dann doch endlich eintritt, sorgen Bratsche und 1. Geige mit sich gegenseitig übertrumpfenden Themen- fragmenten für Verwirrung um den Übergang zur Reprise – die dann zunächst auch noch in der falschen Tonart zu starten scheint... Selten hört man ein so intelligentes Spiel mit der klassischen Form!

Großer Bogen

Und bei den Leipzigern ist dieses Spiel natürlich in den besten Händen. Lustvoll kosten die vier Herren die Haydn-Späße aus, virtuos werden die kammermusikalischen Bälle hin- und hergeworfen. Mit historisch informiertem Spiel und Bögen aus der Entstehungszeit findet das Ensemble Klangfarben, die die letzten von Haydns frühen Quartetten in besonderem Glanz erstrahlen lassen – eine weitere Sternstunde für alle Kammermusikfreunde!

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